Europatournee 2008 / 2009

Konfuzius

Akrobatische Weisheiten aus dem Reich der Mitte

Die Geschichte der chinesischen Artistik ist alt, sehr alt – mehr als 2000 Jahre liegen ihre Anfänge zurück. Anfangs galt es zuerst Gott, dann den  Kaiser und seinen Hofstaat zu erstaunen. Demgegenüber ist die Geschichte des Chinesischen Nationalcircus vergleichsweise jung obwohl sie sich stets auf die Tradition dieser alten chinesischen Kunstform „Akrobatik“ besonnen hat. So stand auch die neue Produktion im Jahre 2008-2009 KONFUZIUS ganz im Zeichen dieser Tradition. Zugleich konnte das Produktionsteam allerdings mit einigen Neuerungen aufwarten. Zum einen wurde von deutscher Seite zum ersten Mal mit einer eigenen Choreographin gearbeitet. Suchte man sich zwar als Partner wieder einmal die renommierte Shenyang Acrobatic Troupe of China aus, so wurde doch bei der Umsetzung der künstlerischen Ideen sehr darauf geachtet, dass dieses in enger Abstimmung mit den Vorstellungen des deutschen Produzenten ging. Dafür wurde die chinesische Ausnahmeartistin und Choreographin Sun Qing Qing engagiert, die somit als ein perfektes Bindeglied zwischen den Anforderungen aus deutscher Sicht und den Möglichkeiten in China vermitteln konnte. Dieses neue Konzept war notwendig geworden um auch den gewachsenen Ansprüchen an die Show als Gesamtkunstwerk gerecht werden zu können. Außerdem hatte in diesem Jahr Produzent und Regisseur Raoul Schoregge eine sehr besondere Musik zu der Show geplant. Der gesamte Soundtrack wurde vom ebenfalls auch aus Shenyang stammenden Pianisten Lang Lang präsentiert. Ausschnitte aus seinen zwei erfolgreichen China CDs „Dreams of China“ & „Dragon Songs“ ließen einen außergewöhnlich poetisch und zugleich kraftvollen Klangteppich für diese Akrobatik Show entstehen. So wurde das Leben des alten Weisen KONFUZIUS nicht nur akrobatisch wieder zu neuem Leben erweckt sondern auch durch das Zusammenspiel von Musik, Tanz und Kostümen.

Zum besseren Verständnis doch zuerst einmal in Kürze die historische Fakten zu der Titelfigur: Konfuzius entstammte einer niederen Adelsfamilie aus Qufu in der Provinz Shandong, wo er 551 v. Chr. geboren wurde und nach langen Wanderjahren 479 v. Chr. auch starb. Sein eigentlicher Rufname war Qiu (Erdhügel) bzw. Zhongi, was soviel wie der ‚Zweitälteste Sohn Ni’ bedeutet. Die Bezeichnung Konfuzius stammt aus der Lateinisierung von Kong Fuzi (Lehrer Kong) durch die Jesuiten, von den Chinesen wird Konfuzius meisten nur Kongzi (Meister Kong) genannt.
Als „Lehrer der 10 000 Generationen“ ist Konfuzius in China bekannt. Der Denker, der China, ja ganz Ostasien am nachhaltigsten geprägt hat und noch prägt, ist er auf jeden Fall, obwohl er kein eigenes Werk hinterlassen hat, sondern seine Schüler seine „Gespräche“ gesammelt und nach seinem Tode veröffentlicht haben. Meister Kong wurde auch nicht angebetet, man verehrte ihn. Eine Religion wollte Konfuzius nicht gründen, seine Lehre kreiste ausschließlich um die Menschen auf dieser Erde und ihr Verhältnis zueinander. (Gerade seine pragmatische Grundhaltung erleichtert heute die Integration des konfuzianischen Gedankenguts in die chinesische Weltsicht und stellt dem derzeitigen ungezügelten Kapitalismus eine soziale Ethik entgegen.)

Doch was hatte im Jahre 2008 eine moderne  Show mit einem uralten chinesischen Philosophen zu tun? Eigentlich nichts. Im Fall dieses besonderen Programms allerdings eine Menge. Die allseits bekannten „Sprüche“ begleiteten nicht nur die einzelnen atemberaubenden Acts, sondern sie belegten diese, sie waren quasi eine Erklärung für die Höchstleistungen der Artisten - frei nach einer konfuzianischen Weisheit: „Bevor du beginnst, musst du Herz, Hand und Gedanken in allen Muskeln haben.“
Auf eine unglaubliche Weise hatten die Artisten ihren Körper mit all den Muskeln, Sehnen, Knochen und Gelenken im Griff, ihr Tun hatte in all der Leichtigkeit weniger mit Kunstturnen als mit Kunst zu tun. Nichts von Gewaltakt, Schweißtreiberei und Atemlosigkeit zeigte sich. Keine sich aufplusternde Bizepswölbung ermöglichte die scheinbare Federleichtigkeit, sondern eine unglaubliche Disziplin und eine eigentümliche spirituelle Energie. So gesehen, bestätigte die Show „KONFUZIUS“ die alte Weisheit: Allein die Balance der Kräfte führt zur Harmonie. Eine Tugend von konfuzianischem Format! Die Show„KONFUZIUS“ war somit eine Stimmung, war ein Geisteszustand - wie die chinesische Artistik selbst. Nie zuvor war eine chinesische eigentlich „mainstream orientierte“ Circusveranstaltung so artifiziell und trotzdem so erfolgreich. Besucherrekorde in Belgrad mit 8000 Personen pro Show waren Zeugnis davon, genau wie die Aufzeichnung der ganzen Show für den italienischen Fernsehsender RAI 3 in Rom im Mai 2009.